Simrig SR2 Motion System - ein (kurzer) Erfahrungsbericht

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User 25704

Hallo zusammen,

nachdem ich hier im Forum schon viele wertvolle Erfahrungen und Eindrücke konsumieren konnte, wollte ich auf diesem Weg ein bisschen "zurückgeben" und meine ersten Erfahrungen zum Simrig SR2 System teilen - vielleicht hilft dies ja dem/der ein oder anderen hier. Vorweg der ausdrückliche Hinweis: das sind meine ganz subjektiven Eindrücke und ich will damit weder zum Ausdruck bringen, welches System "das Beste" ist noch welches System das "passendste" ist, dies muss jeder selbst entscheiden. Ich greife aber trotz aller Subjektivität bei meiner eigenen Recherche gerne auf Erfahrungen anderer Gleichgesinnter zurück.

--- meine Simracing-Historie ---
ich habe schon vor über 20 Jahren als Teenager mit "Simracing" angefangen, konkret mit einem an den Schreibtisch anschraubbaren Saitek-FFB-Wheel, das man noch über den sog. Gameport (serielle Schnittstelle) angeschlossen hat und dann Need for Speed I bzw. II auf dem 15" Röhrenmonitor gespielt hat. So richtig Simulation war das natürlich nicht, hat trotzdem Laune gemacht.

Über die Jahre hat sich das Equipment immer weiter verbessert, irgendwann gab es dann ein Thrustmaster T300RS, einen Playseat-Challenge-Sitz (klappbar), Racing auf dem TV, dann auf einem Beamer, dann eine Zeit lang in VR (Oculus Rift -> Rift S -> HP Reverb G1 -> Quest 2 -> HP Reverb G2), dann wieder weg von VR auf einem Samsung 49" Ultrawide zu Triple 32" Setup, begleitet durch Upgrades auf ein Fanatec Podium DD1, mit einem NLR GTTrack-Rig als Zwischenlösung (Flex-Alarm) zu meinem aktuellen Setup: Triple 55" LG Oled Screen, Simlab P1X, Fanatec DD1, Asetek Invicta.

Bezüglich "Motion" hatte ich bis vor einem Jahr einen NLR Motion Platform V3 Seatmover, der zwar echt Spaß gemacht hat, aber irgendwann hat es sich für mich persönlich insofern "falsch" angefühlt, als dass v.a. die Vorwärts- und Rückwärtsbewegungen nur des Sitzes irgendwie für mich das Bremsen schwierig gestaltet hat, weshalb ich mit der Zeit nur noch mit deaktiviertem Seatmover gefahren bin und diesen schließlich auch verkauft habe. Ein Buttkicker Gamer 2 gibt mir seit langem ein bisschen "tactical feedback", aber obwohl ich ohne Seatmover zwar konstanter fahren konnte, hat mir bei der Immersion einfach etwas gefehlt...


--- der lange Entscheidungsprozess bzgl. Motion ---
Nach der Trennung vom Seatmover war ich seit über 1 Jahr immer wieder mal am überlegen, ob nicht doch wieder Motion ins Haus kommt. Abgesehen von der Kostenfrage (wieviel Geld soll ich noch in mein Simrig investieren bzw. wie lange dauert es, bis mich meine Frau endgültig für bekloppt erklärt ;)) fand ich die Frage sehr schwierig, welches System für mich am meisten "Sinn" macht:

- Dbox -> ausgehend von den Reviews ein absoluter Traum, aber für mich persönlich einfach zu teuer bzw. noch nicht mal für mich selbst vertretbar, nochmal ~ 10.000 Flocken in das Rig zu stecken (da steckt sowieso streng genommen schon viel zu viel Geld drin)
- SFX 100 -> sicherlich eine hervorragende Lösung, v.a. bezüglich Preis-Leistung, für mich persönlich aber zu viel DIY / Bastelei, für die ich weder die handwerklichen Fähigkeiten noch die Zeit habe
- Sigma Integrale DK2 -> für mich sehr interessant, aber auf Import aus den USA absolut keine Lust und der einzige Reseller in Europa hat aktuell nicht einmal eine richtige Homepage. Auch wenn dieser Reseller laut Sigma selbst zuverlässig sein soll, habe ich das irgendwie gescheut, war ein reines Bauchgefühl
- NLR Motion Platform Plus -> habe ich auch in Erwägung gezogen, wäre bei Amazon für ~ 3.000 EUR zu haben. Aber irgendwie hat mich das Konzept mit Motion vorne bzw. hinten und auf der anderen Seite dieser "Wackelbügel" nicht vollends überzeugt, zumal für den Preis auch nur 2DOF geboten wird und für 3DOF zwei Plattformen = 6.000 EUR nötig wären.

Weitere Systeme wie Qubic Systems, PT Actuator etc. habe ich auch in Betracht gezogen, am Ende aber aufgrund des im Vergleich zum SR2 nochmal deutlich höheren Anschaffungspreises (6.000-7.000 EUR vs. 4.170 EUR) wieder verworfen.

Nachdem ich mir unzählige Reviews zu allen möglichen Plattformen angeschaut hatte, bin ich immer wieder bei Simrig gelandet (auch durch die ausführlichen Reviews von Ron reviewt), offen gestanden zum einen wegen des verhältnismäßig niedrigeren Preises, zum anderen weil das System nach meinem Eindruck einen relativ großen "plug&play"-Faktor aufweist, was mir aufgrund des oben beschriebenen Mangels an Zeit und handwerklichem Geschick durchaus wichtig war.
Letzten Endes habe ich dann im Juli diesen Jahres in einem "Augen zu und durch"-Moment bei Simrig die SR2-Plattform bestellt.

--- Kommunikation, Lieferung, Verpackung ---
Vor der Bestellung bei Simrig hatte ich dort noch gefragt, ob denn in den nächsten Monaten mit einem Nachfolger gerechnet werden kann, sprich ein Abwarten sinnvoll wäre. Noch am selben Tag habe ich insofern eine sympathische Antwort erhalten, als dass Simrig mitteilte, dass nicht nur derzeit kein Nachfolger in Planung sei, sondern dies auch daran liege, dass sie alle Hände damit zu tun hätten, überhaupt Teile für die aktuellen Systeme zu bekommen.

Nach der Bestellung habe ich immer zeitnah sehr freundliche Mails von Simrig (auch am Wochenende) bzgl. des Eingangs der Bestellung, der Zahlungsabwicklung und des Versands per UPS erhalten. Ich hatte an einem Freitagabend bestellt (Motion System war ab Lager verfügbar), am Samstag bezahlt, am Montag wurde das Versandlabel bestellt und am Mittwoch das Paket zugestellt - superschnelle Lieferung, ich hätte mit deutlich mehr Zeit gerechnet.

Das System wird in einem stabilen Karton mit Label und Tragegriff (sieht aus wie ein überdimensionaler Riesen-Kartonkoffer) geliefert und die Aktuatoren sowie das Zubehör war einwandfrei und stoß- und beschädigungssicher verpackt.

--- Aufbau / Montage ---
Der Aufbau lief aus meiner Sicht (selbst mit meinen linken Händen) weitestgehend unproblematisch. Simrig liefert eine ausführliche Montageanleitung, ich habe für die Montage an meinem bereits bestehenden P1X ca. 4 Stunden gebraucht. Aus meiner Sicht ist der Aufbau auch nicht komplizierter als der Aufbau eines Alurigs selbst, weitestgehend geht es darum, Teile mit Nutensteinen und Schrauben zu fixieren und Kabel zu verlegen - relativ simpel. Sämtliche Teile, Zubehör, Schrauben etc. waren ordentlich verpackt und ausreichend vorhanden. Auch wird praktisches Zubehör mitgegeben, bspw. Kabelbinder sowie Clips zur Befestigung der Kabel am Rig mit Kabelbindern.
Zwei Punkte waren beim Aufbau nicht ganz optimal, auf die ich Dank Youtubevideos schon vorbereitet war: die Aktuatoren sollte man am Anfang noch nicht fixieren, da im Anschluss noch Haltebrackets angebracht und die Position der Aktuatoren nochmal leicht verändert werden muss und es gibt an jedem Aktuator eine Kreuzschlitzschraube, an die man kaum drankommt, was etwas fummelig ist.


--- erste Fahreindrücke ---
Nach erfolgreichem Aufbau und problemloser Installation des Simrig Control Centers dann logischerweise der spannendste Punkt: die ersten Fahreindrücke - diese habe ich mit den vorkonfigurierten Settings in Assetto Corsa (Nordschleife, Porsche GT3), ACC (Mount Panorama, Aston Martin Vantage GT3) und AMS2 (Nordschleife, Mercedes-Benz CLK DTM) durchgeführt. Insgesamt bin ich seit Aufbau des Systems ca. 5 Stunden gefahren, d.h. es gibt noch viel einzustellen und anzupassen, aber: ich bin komplett begeistert! Meine Befürchtung, dass das System zu schwach sein könnte, waren völlig unberechtigt, tatsächlich beginnt man schon sehr bald (was auch einige Reviewer bestätigen), die Stärke der Motion insgesamt runterzusetzen. Das SR2 sorgt momentan dafür, dass ich immer wieder beim Fahren einfach ein Grinsen im Gesicht habe: wenn man Curbs überfährt, spürt man das Rütteln und die Neigung des Fahrzeugs, auf der Döttinger Höhe spürt man die Bodenwelle, da das Rig entsprechend "einfedert", in ACC spürt man kurz bevor es in die Bergabkurven geht jedes mal einen kurze Aufsetzer des Fahrzeugs - Wahnsinn! Insgesamt bekomme ich nicht nur (zwangsläufig) mehr Feedback, was das Fahrzeug macht, sondern spüre gefühlt auch besser, welche Curbs bspw. mich "ausbremsen" bzw. wenn ich Traktion verliere, jedenfalls gelingt mir das Abfangen eines ausbrechenden Fahrzeugs subjektiv häufiger/besser als zuvor. Vor allem aber habe ich das erhoffte Upgrade gegenüber meinem Seatmover (nichts gegen Seatmover!) erhalten, da für mich subjektiv die Bewegung des gesamten Rigs sich doch einfach authentischer und mehr nach Fahrzeug anfühlt als eben nur ein beweglicher Sitz.

--- Software (Simrig Control Center) ---
Was mich ebenfalls begeistert, ist die mitgelieferte Software, das Simrig Control Center.
Die Installation klappte problemlos. Der erste Schritt war die Ausführung des "Load Estimators", der misst, wieviel Prozent des Gewichts des Rigs auf den vorderen und hinteren Aktuatoren lastet. Grundsätzlich sollte die Verteilung 50/50 sein, laut Anleitung ist eine Abweichung von +/- 5% aber in Ordnung. Also den Test durchgeführt und Glück gehabt: Verteilung 53% hinten, 47% vorne, puhhh. Die Motivation, die Position der Aktuatoren nochmals zu verändern hätte sich in Grenzen gehalten.

Was ich aber im Vergleich zur bspw. von NLR verwendeten Software wirklich ab dem ersten Moment extrem vorteilhaft fand: die Software erkennt nicht nur das aktuelle Spiel, in dem Ihr euch befindet, sondern legt für jedes (!) Fahrzeug automatisch ein eigenes Profil an und wechselt dieses Profil auch automatisch. Sprich wenn man in AC zuerst in einem Porsche 911 GT3 fährt, wird für dieses Fahrzeug ein Profil angelegt. Wechselt man dann bspw. in einen McLaren P1, erhält dieser ein eigenes Profil und die Software switcht automatisch auf dieses Profil bzw. bei weiteren Fahrzeugwechseln wieder auf das entsprechende Gefährt. Zwar erhält jedes Fahrzeug zunächst die Standardeinstellungen, wenn man für das entsprechende Fahrzeug aber die persönlichen Präferenzen eingestellt hat, ist das aus meiner Sicht wahnsinnig komfortabel im Vergleich zu anderen Lösungen, bei denen man entweder manuell immer Profile erstellt und wechseln muss oder (aus Bequemlichkeit) am Ende des Tages dann doch alle Fahrzeuge mit mehr oder weniger demselben Profil fährt.

Ebenso begeistert bin ich von der sog. Autotune-Funktion, die während der Fahrt mit einem bestimmten Fahrzeug die Telemetriedaten des Spiels auswertet und auf Basis dieser "erfahrenen" Daten Anpassungen vorschlägt, bspw. wie stark das System auf Curbs, auf Beschleunigung bzw. Bremsen etc. reagiert. Nach meinen ersten Erfahrungen funktioniert dies als Basis insofern gut, als dass für härter abgestimmte Fahrzeuge (GT3) bspw. andere Werte vorgeschlagen werden als bspw. für weicher abgestimmte Straßenfahrzeuge (bspw. Ford Mustang o.ä.). Natürlich bekommt man mit der Autotune-Funktion noch nicht die Optimalwerte für das Fahrzeug, sie erleichtert aber die Grundkonfiguration und das weitere Feintuning bzw. die Behandlung der einzelnen fahrzeugbezogenen Profile ungemein.

Die Möglichkeit, Hotkeys auf Tastatur oder Lenkrad einzustellen, die nicht nur das (de)aktivieren der Motion ermöglicht, sondern zwischen verschiedenen Settings für das jeweilige Fahrzeug (normal, high, raw, custom) während der Fahrt zu switchen, ist ebenfalls wahnsinnig komfortabel und hilfreich.

--- Fazit ---
Vorweg: gar nicht so einfach, persönliche Eindrücke einigermaßen strukturiert in einen Erfahrungsbericht zu packen.
Da für mich die Entscheidung, welches Motionsystem ich wähle echt schwierig war, wollte ich meine Überlegungen und Eindrücke gerne teilen, in der Hoffnung, dass es dem/der ein oder anderen bei der Entscheidungsfindung hilft. Eine Herausforderung in diesem Zusammenhang ist aus meiner Sicht auch, dass man im Gegensatz zu bspw. einer VR-Brille o.ä. eher nicht "auf Verdacht" ein Motionsystem bestellt, montiert, ausprobiert und bei Nichtgefallen wieder retourniert - abgesehen vom Aufwand ist das teilweise auch gar nicht möglich bzw. mit hohen Kosten verbunden. Ich kann mangels Erfahrungen mit anderen 3DOF-Systemen leider keinen Vergleich ziehen, wahrscheinlich oder besser gesagt hoffentlich bekommt man für ein 10.000 EUR System auch noch einmal mehr geboten.

Ich persönlich habe die Entscheidung für das SR2 jedenfalls nicht bereut, ganz im Gegenteil haben sich meine Hoffnungen, nochmal ein deutliches Upgrade gegenüber meinem ursprünglichen Seatmover zu erhalten, mehr als erfüllt und ich habe bislang nichts an dem System gefunden, was mich stört. Welches System für jeden einzelnen das Richtige ist, hängt von wahnsinnig vielen Faktoren ab (Budget, Anforderungen, beabsichtigter Verwendungszweck etc.) und deshalb ist es ein Luxus, dass es inzwischen verschiedene Anbieter und Systeme zur Auswahl gibt.

Einen Blick auf das SR2 kann ich jedoch auf jeden Fall empfehlen, da das Paket aus meiner Sicht einfach passt und für einen Preis, der etwas oberhalb von gängigen 2DOF-Systemen angesetzt ist, ein ausgereiftes Zusammenspiel zwischen Hard- und Software geboten wird und bei mir dafür gesorgt hat, dass sich mein Rig für mich (aktuell) nicht nur komplett anfühlt, sondern ich auch wieder richtig Bock habe, die Kiste anzuschmeißen :)

Solltet Ihr Fragen haben versuche ich gerne diese nach bestem Wissen zu beantworten.

Grüße!
 
U

User 10091

Ich habe ganz ähnliche Erfahrungen mit den ersten Lenkrädern von Thrustmaster in den 90ern über diverse andere Modelle von Microsoft und Fanatec und aktuell einer Podium DD2 Base mit Heusinkveld Sprint in einem Motedis Alurig. Zwischendrin hatte ich auch ein GTTrack mit Motion Platform V3 von Next Level Racing. Der Seatmover war schon sehr cool, aber irgendwie fehlte der letzte Kick zur Perfektion. Deswegen habe ich mir das o.g. Alurig gekauft und mit den SR2 von Simrig ausgerüstet.

Ich kann deine Eindrücke zu 100 Prozent bestätigen. Das System in Sachen Preis/Leistung und Anwenderfreundlichkeit kaum zu überbieten. Plug and Play. Wer ein Rig zusammen bauen kann, kann auch das SR2 installieren. Die Software ist ebenso leicht verständlich und bietet alles, was das Herz begehrt. Es macht unfassbares Spaß damit seine Runden zu drehen.

Wenn sich Polyphony einen Ruck geben würde und die vorhandene Schnittstelle zum Auslesen der Telemetriedaten bei GT7 frei geben würde, so dass das SR2 damit funktionieren würde, wären das noch die letzten Prozent zur Perfektion. Dafür kann aber das System nix für.
 
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